Deutsche Fassung des Autors. Der Beitrag erschien auf Englisch in Trade Finance Global am 7. August 2026.
- Geld für die Finanzierung des Rohstoffhandels ist da. Vergeben wird es aber immer seltener nach der Grösse des Kreditnehmers und immer öfter nach der Qualität der Transaktionsstruktur.
- Nach den grossen Betrugsfällen im Rohstoffhandel schauen die Banken nicht mehr auf den Ruf des Kreditnehmers, sondern auf Kontrolle, Transparenz und Konstruktion des Geschäfts.
- Die Lücke von 2,5 Billionen Dollar schliesst sich nicht durch höhere Kreditlimiten, sondern dadurch, dass Kreditnehmer lernen, ihre Geschäfte von Anfang an finanzierbar zu entwerfen.
Im März 2026 boten Banken Trafigura 8 Milliarden Dollar für eine Klubfinanzierung über 3 Milliarden an. Zwei Monate zuvor hatte die Asiatische Entwicklungsbank die Lücke in der weltweiten Handelsfinanzierung erneut bestätigt: 2,5 Billionen Dollar. 2022 entsprach dieselbe Summe rund einem Zehntel des gesamten Welthandels. Ein Markt, zwei Zahlen – und die gewohnte Erklärung zerfällt.
Das Kapital hat die Rohstoffhandelsfinanzierung nicht verlassen. Ganz oben gibt es davon mehr als genug. Was fehlt, ist nicht Geld, sondern Geschäfte, die so gebaut sind, dass eine Bank sie finanzieren kann. Die Lücke ist kein Urteil der Kreditgeber über den Mittelstand. Sie ist der Abstand zwischen dem, wie der Mittelstand seine Geschäfte zusammensetzt, und dem, wie Banken sie heute beurteilen.
Als sich die Bedingungen änderten
2020 brach Hin Leong Trading zusammen, mit 3,85 Milliarden Dollar Schulden bei 23 Banken. Die vorläufigen Verwalter von PwC fanden Vermögenswerte von gerade 257 Millionen und hielten fest, gefälschte Dokumente seien hier an der Tagesordnung gewesen. Am härtesten traf es HSBC mit rund 600 Millionen. Eine Bank, 1865 eigens gegründet, um den asiatischen Handel gegen die Kontrolle der Dokumente zu finanzieren, hatte anderthalb Jahrhunderte später gegen Fälschungen Kredit gegeben.
Zur Liste kamen Agritrade International, ZenRock und Phoenix Commodities: doppelt ausgestellte Konnossemente, ein und dieselbe Ölladung bei mehreren Banken zugleich verpfändet, Schulden in dreistelliger Millionenhöhe. Der Gründer von Hin Leong sitzt heute eine Strafe von dreizehneinhalb Jahren ab.
Zunächst sah es aus, als zögen sich die Banken ganz aus diesem Geschäft zurück. Im August 2020 stellte ABN AMRO die Handels- und Rohstofffinanzierung weltweit ein. BNP Paribas wickelte ihre Schweizer Einheit ab – ausgerechnet jene, die in den 1970er-Jahren als erste Ölakkreditive eröffnet hatte. Société Générale schloss das Büro in Singapur und beendete die Arbeit mit kleineren Händlern.
Und doch schrieben dieselben Genfer Banken über ein Jahr lang an einem gemeinsamen Regelwerk, das die Swiss Trading and Shipping Association im Oktober 2021 veröffentlichte. Die Banken haben diese Anlageklasse nicht verlassen. Sie haben die Bedingungen geändert – und sie aufgeschrieben.
Die Bedingungen selbst
Wer dieses Regelwerk einmal aufgeschlagen hat, kennt die neuen Bedingungen. An die Stelle unverbindlicher Einzellinien traten Kredite gegen eine Beleihungsbasis und Sicherheitenverwaltungsverträge, eine strikte Zahlungsreihenfolge unter Kontrolle der Bank, die Abtretung von Erlösen und Versicherungsleistungen, unabhängige Inspektion, Traditionspapiere.
Seit September 2023 stellt das britische Gesetz über elektronische Handelsdokumente das elektronische Konnossement dem Papier gleich. Geändert hat sich auch die Frage des Kreditausschusses selbst. Früher fragte man, wer der Kreditnehmer ist. Heute fragt man, was genau die Bank kontrolliert, in welcher Phase und mit welchem Dokument das belegt ist. Die Konstruktion des Geschäfts ist nicht länger ein Anhang zu den kaufmännischen Bedingungen. Sie ist die Bedingungen selbst.
Drei Indizien
Drei Umstände springen ins Auge, und der Markt hält sie für Kulisse statt für Beweise.
Erstens: Oben gibt es mehr Angebote, als Geld gebraucht wird. Acht Milliarden angeboten für drei angefragte – das erzählt nicht, wie gut es den Grossen geht. Dieselben Banken, die dem Mittelstand absagen, stehen Schlange für eine Konstruktion, die sie kontrollieren können.
Die Schlange hat eine statistische Grundlage. Das Register der Internationalen Handelskammer zeigt Jahr für Jahr seit 2008: Die Verluste bei den klassischen Dokumentengeschäften bewegen sich zwischen 0,04 und 0,21 Prozent des Risikovolumens. Das ist ein Bruchteil dessen, was vergleichbare Unternehmenskredite an Verlusten bringen. Nicht weil die globalen Händler als Kreditnehmer zuverlässiger wären, sondern weil ihr Geschäft besser gebaut ist: kurze Laufzeit, Rückzahlung aus dem Erlös der Ware selbst, Kontrolle über Ladung und Dokumente.
Die Schlange hat sogar den Betrugstest bestanden. Als Trafigura im Februar 2023 einen Nickelbetrug über 577 Millionen Dollar aufdeckte – in den Containern von Prateek Gupta lag statt Metall Schotter –, deckte sie den Verlust aus eigenen Mitteln. Bankfinanzierung war an diesen Partien nicht beteiligt. Einen Monat später zeichneten die Banken ihre revolvierenden Linien über 5,4 Milliarden neu. Im Januar 2026 bestätigte der High Court in London den Betrug in vollem Umfang. Das Kapital ist hungrig. Wählerisch ist es nur bei der Konstruktion.
Zweitens: Die Regeln liegen offen. Die Anforderungsliste des Kreditausschusses ist seit fast fünf Jahren öffentlich zugänglich. Der Mittelstand hat sie nur nie als Gebrauchsanweisung gelesen.
Drittens: Die Zahl bewegt sich nicht. Die Lücke erreichte 2022 die 2,5 Billionen und blieb in der Umfrage von 2025, veröffentlicht im Januar 2026, genau dort. Eine Absage erhalten 41 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen und 40 Prozent der mittelgrossen und grossen. Drei Jahre Rekordüberfluss ganz oben haben die Lücke nicht um einen Dollar bewegt. Das ist das Kennzeichen eines strukturellen Problems.
Eine Studie von Alternative Credit Council, Simmons & Simmons und TXF zeigt: Fast die Hälfte der Unternehmen, die zu Nichtbanken gewechselt sind, tat dies, weil die Bank abgesagt hatte. Private Credit schliesst die Lücke nicht. Es versieht sie mit einem Preis.
Der Fairness halber: Die Asiatische Entwicklungsbank liest ihre eigene Zahl vorsichtig. Sie verweist auf den Einfluss des Zyklus, und vieles von dem, was sie beschreibt, sind Kosten der Prüfung auf Regelkonformität, nicht Geldmangel. Aber Prüfkosten und Geschäftskonstruktion sind keine konkurrierenden Erklärungen. Teuer wird die Prüfung ja gerade durch das ungeordnete Geschäft. Im mittleren Rohstoffsegment ist die Engstelle die Konstruktion der Transaktion, nicht das Kapital.
Bankfähigkeit als Konstruktionsaufgabe
Die Lücke wird in Billionen gemessen und ein Geschäft nach dem anderen geschlossen. Daraus folgt eine Disziplin, die ich Konstruktion der Bankfähigkeit nenne. Einem fertigen Geschäft lässt sie sich nicht nachträglich anheften. Eigentumsübergänge, Dokumentenkette, Verwahrung, Abtretung der Versicherung, Abwicklungsmechanik – all das wird entworfen, bevor es Vertragsbedingungen gibt, weil die Vertragsbedingungen heute genau daraus bestehen.
Ein Geschäft, das allein nach kaufmännischer Logik gebaut und hinterher zur Bank getragen wird, kommt zur Überarbeitung zurück oder wird abgelehnt – und beides kostet Monate. Der finanzierbare Mittelständler ist nicht der mit der Ware in der Bilanz, sondern der, der transparent auftritt: Rechte definiert, jeder Kontrollpunkt mit einem Dokument belegt, Zahlungsströme abgesondert. Die Juristen der Bank prüfen ein solches Geschäft an einem Abend.
Vom Produzenten verlangt diese Disziplin weder, sein Eigentum abzugeben, noch, sich von Käufer und Marge zu trennen. Im Schweizer Recht liegt die Form seit über einem Jahrhundert bereit: Der Kommissionär nach den Artikeln 425 bis 438 des Obligationenrechts handelt im eigenen Namen, aber für Rechnung des Auftraggebers, und verdient eine Provision, keine Handelsmarge. Die Verbindung Auftraggeber – Kommissionär – Bank gibt dem Kreditgeber eine vollständig dokumentierte und abgesonderte Konstruktion, in der weder bei der Kontrolle noch bei der Durchsetzung eine Frage offen bleibt.
Die Verluste der Jahre 2020 und 2021 haben das Vertrauen in diesem Markt auf null gesetzt und die Kontrolle an seine Stelle gerückt. Darauf zu warten, dass die Kreditgeber weich werden, ist vergeblich: Die Regeln sind veröffentlicht, und das Kapital steht auf der anderen Seite Schlange. Geld bekommen die Geschäfte, die vom ersten Entwurf an finanzierbar gedacht sind.
Deshalb schliessen weder die Banken noch Private Credit die Lücke von 2,5 Billionen. Schliessen werden sie die Kreditnehmer selbst – Unternehmen für Unternehmen, Geschäft für Geschäft, durch den Umbau der Konstruktion. Der Mittelständler, der die Anforderungen des Kreditausschusses in sein eigenes Haus holt, selbst oder über seinen Kommissionär, wird feststellen, dass das Kapital nie weg war. Es hat auf eine Struktur gewartet, die es kaufen kann.
Englisches Original: Capital is waiting for a structure it can buy, Trade Finance Global, 7. August 2026.
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