Veröffentlichung · Aluminium International Today · Mai/Juni 2020

Der dunkle Wald von Covid-19: Das stärkste Unternehmen überlebt

Vier Verschiebungen, die die Pandemie der Weltindustrie gebracht hat – und die japanische Antwort auf den Niedergang

Lieferketten und Führung · Mai 2020 · 8 Minuten Lesezeit · Metal Supply Experts GmbH

Deutsche Fassung des Autors. Der Beitrag erschien auf Englisch in Aluminium International Today, Ausgabe Mai/Juni 2020. Der Text steht so, wie er zu Beginn der Pandemie geschrieben wurde – ohne nachträgliche Korrekturen.

Covid-19 kam als unerwartete Pandemie und wurde zu einer der grössten Prüfungen für die Menschheit seit dem Zweiten Weltkrieg und der Grossen Depression. Neben den verlorenen Menschenleben versetzte es der internationalen Finanzstabilität, dem Konsum und den globalen Lieferketten einen vernichtenden Schlag.

Wie wird die Welt nach dem Ende der Pandemie aussehen? Wie übersteht man die weltweite Rezession, die auf uns zukommt? Von der richtigen Antwort auf diese Fragen hängen das Überleben von Unternehmen, das Schicksal ganzer Branchen und die Zukunft von Hunderttausenden, ja Millionen Arbeitsplätzen ab – gerade in den Industrien der alten Schule.

Covid-19 hat die Schwächen der Steuerungs- und Kontrollsysteme offengelegt, die dünnen Mobilisierungsreserven und die Informationslücken auf allen Stufen der Produktions- und Logistikketten. Diese Prozesse hätten schon vor dem Notstand gründlich überprüft, optimiert und um Alternativen ergänzt werden müssen.

Es liegt auf der Hand, dass sich viele Prioritäten in Markt und Gesellschaft verschieben oder für eine Weile an Gewicht verlieren werden. Die schnellstmögliche Erholung der Volkswirtschaften und Branchen wird mittelfristig Vorrang haben. Vor diesem Hintergrund ist es möglich, dass Umweltfragen und Umweltschutz in den Hintergrund treten – obwohl die gegenwärtige Lage zweifellos die direkte Folge des urbanen Entwicklungsmodells unserer Gesellschaft und der gedankenlosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen ist.

Schon jetzt zeichnen sich vier grosse Trends ab.

Erstens. Wachsender nationaler Protektionismus und schärferer Wettbewerb in einer Lage, in der Covid-19 gewaltige Unterschiede in der Führungsfähigkeit und den Mobilisierungsreserven der Länder und Systeme offengelegt hat. Manche Regierungen könnten zu dem Schluss kommen, dass Gewerkschaften und andere Verbände schwach und wirkungslos waren und ihren Mitgliedern keinen kollektiven Schutz zu bieten vermochten.

Zweitens. Schärferer Wettbewerb bei sinkender Nachfrage während und nach der Pandemie. Die Notwendigkeit, Risiken und Kosten zu senken, die ineffiziente Produktions- und Logistikketten verursachen. Der wachsende Wunsch nach alternativen Rohstofflieferanten und Märkten.

Drittens. Die zunehmende Abhängigkeit der Industrie von Finanzinstituten und staatlicher Unterstützung in Krisenzeiten. Der Kampf um den Zugang zu institutioneller, Investitions- und öffentlicher Finanzierung kann noch härter werden.

Viertens. Die Beschleunigung des «Stoffwechsels» der Unternehmen – auch durch die erzwungene Einführung digitaler Fernsteuerungs- und Überwachungssysteme unter den Bedingungen der Pandemie. Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig es ist, Prozesse weniger abhängig von Arbeitskraft zu machen – durch Automatisierung und den Abbau überflüssiger Glieder im Ablauf.

Jedes Unternehmen wird sein eigenes Kräftegleichgewicht finden müssen – abgestimmt auf die neuen marktwirtschaftlichen, fiskalischen und politischen Realitäten der Welt nach Covid-19. Zugleich wird eine Reihe von Veränderungen die meisten Marktteilnehmer gemeinsam treffen.

Zieht man eine Analogie zur Tierwelt, dann sind die Schlüssel zum Überleben in der neuen Welt nach Covid-19 ein geschärftes Sensorium, der ununterbrochene Zugang zu «Nahrungsquellen» und die Möglichkeit, sich in neuen «Rudeln» am Markt zu vergesellschaften.

Das «Sensorium» – oder ein neues Kontrollsystem

In Zeiten der Gefahr werden geschärfte Sinne – Sehen, Hören, Riechen, Tasten und Gleichgewicht – zum Schlüssel für das Überleben des Einzelnen wie der ganzen Art. Für ein Unternehmen sind die operativen Kontrollsysteme im Grunde seine Sinnesorgane. Die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens und sein Zugang zu Finanzierung und Investitionen hängen davon ab, wie schnell es Informationen erhält und verarbeitet.

In den letzten Jahren hat die Zertifizierung der Lieferkette – Chain of Custody – in verschiedenen Branchen zunehmend Aufmerksamkeit gefunden. Die ASI tut das in der Aluminiumindustrie, der FSC in der Holzwirtschaft, der MSC in der Fischerei – und viele andere mehr. Diese Organisationen leisten eine ausserordentlich wichtige Arbeit bei der Standardisierung, Prüfung und Zertifizierung von Lieferanten. Doch die Systeme zur Online-Kontrolle, Warnung und Zertifizierung der gesamten Kette von Verarbeitungsstufen und Logistik – von der Rohstoffgewinnung bis zur Auslieferung des Endprodukts an den Verbraucher – sind nach wie vor schwach entwickelt.

Die Kontrolle der Verarbeitungs- und Logistikketten liegt in der Regel bei den Beteiligten selbst, ohne ein einheitliches System. Ein erheblicher Teil der Informationen wird im Nachhinein verarbeitet, auf Grundlage stichprobenartiger, teurer Audits und Überwachungsprüfungen. Die Informationen sind zwischen den Beteiligten der Produktions- und Logistikkette zersplittert. Manchmal dauert es Tage oder gar Wochen, ein Gesamtbild wiederherzustellen und die Daten aller Beteiligten zusammenzutragen und abzugleichen.

In der Krise der Pandemie hat ein solches System der operativen Steuerung und Kontrolle seine ganze traurige Unzulänglichkeit gezeigt. Qualität und Geschwindigkeit der eingehenden Informationen waren in vielen Fällen inakzeptabel niedrig und schufen erhebliche Risiken für das Unternehmen, seine Aktionäre und die Institute, die diese Geschäfte finanzieren.

Wie sollte ein Kontrollsystem aussehen – in der Krise wie in ruhigen Zeiten?

Ein Unternehmen muss über die gesamte Produktions- und Logistikkette hinweg in Echtzeit wissen, wo seine Ware ist, wer für sie verantwortlich ist und welche Eigenschaften sie hat. Darüber hinaus muss es sofort benachrichtigt werden, wenn Plan- und Istdaten voneinander abweichen – bei Standort, Zeitplänen, Veränderungen des Produktgewichts und so weiter. Solche Warnungen müssen genug Informationen enthalten, um ein Problem so schnell wie möglich zu lösen.

Wichtig ist, dass ein solches operatives Kontrollsystem universell ist und keine Beschränkungen hinsichtlich der Frachtarten und der Komplexität multimodaler Logistik kennt.

Ebenso wichtig ist, dass das Kontrollsystem so günstig und einfach wie möglich bleibt: ohne Papier, ohne zusätzliche Produktkennzeichnung, ohne Geräte, die mit der Fracht mitreisen müssen, und ohne zusätzliches Personal. So behält das Unternehmen seine Abläufe jederzeit im Blick, ohne dass das Budget zum Problem wird.

Schliesslich muss das System von einer unabhängigen dritten Partei bereitgestellt werden, die weder mit dem Unternehmen noch mit einem der Beteiligten der Produktions- und Logistikkette durch Interessen verbunden ist. Als unabhängige dritte Partei soll ein solches System alle Zuverlässigkeitsparameter der Lieferketten des Unternehmens bescheinigen – Standorte der Routen, Zeiten, Verantwortliche, Veränderungen der Produkteigenschaften. Diese Zertifikate lassen sich dann Finanzinstituten, Verbrauchern und Aufsichtsbehörden vorlegen.

Versuche, ein solches System zu schaffen, hat es in den letzten Jahren mehrfach gegeben. Sie scheiterten oder setzten sich nicht durch – zu strenge Beschränkungen bei der Zahl der Vorgänge, zu hohe Kosten. Es gibt bekannte Fälle, in denen Unternehmen solche Systeme selbst gebaut haben – mit erheblichen Investitionen und laufenden Unterhaltskosten. Soweit bekannt, haben die Finanzinstitute solche Plattformen und ihre Zertifikate jedoch nicht als unabhängig anerkannt, was ihre Bedeutung erheblich schmälerte.

Eine interessante Lösung für die operative Online-Überwachung, Warnung und Zertifizierung ist das System VAREYE, das 2019 auf den Markt kam. VAREYE beruht auf der Kombination einer hochsicheren Cloud-Plattform, der Erzeugung individueller QR-Codes sowie Identifikations- und Ortungssystemen, wie sie in jedem modernen Smartphone eingebaut sind.

Die Pandemie hat deutlich gezeigt, welche Unternehmen sich auf eine hypothetische Katastrophe vorbereitet hatten – und welche entweder nicht die Mittel dazu hatten oder dieses wichtige Element der Geschäftskontinuität ganz übersehen haben.

Zugang zu «zusätzlichen Nahrungsquellen» – oder die Tokenisierung von Vermögenswerten

Wie bereits gesagt, wird die Abhängigkeit von Finanzinstituten und staatlicher Unterstützung in der Welt nach Covid-19 wahrscheinlich zunehmen. Da die verfügbaren Mittel begrenzt sind, werden die Marktteilnehmer in einen immer härteren Kampf um Kredite, Investitionsmöglichkeiten und staatliche Hilfen eintreten.

Gibt es heute Marktnischen und Investitionsmechanismen, die noch nicht voll erschlossen sind? Ja. Die Tokenisierung von Vermögenswerten.

Eine Reihe von Marktteilnehmern der Branche nimmt Fremdmittel bei Banken oder Investmentfonds auf, um zu expandieren oder ihren Liquiditätsbedarf zu decken – zu vergleichsweise hohen Kosten, wie sie der globale oder lokale Finanzmarkt eben vorgibt. Die Einführung eines Utility-Tokens, abgesichert durch die sicherste Blockchain-Technologie, würde den Zugang zu einem viel breiteren Kreis potenzieller Investoren zu deutlich geringeren Kosten als bei herkömmlichen Kreditgebern eröffnen und den Branchenteilnehmern damit die Chance geben, ihre Projekte – Investitionen, Schuldenkonsolidierung, Markterschliessung – günstiger zu finanzieren, als es konventionelle Finanzinstitute anbieten. Kurz gesagt: Tokenisierung ist die Schaffung eines digitalen Gegenstücks, gleichsam eines Zertifikats, für reale Werte, um schnell und sicher mit ihnen zu arbeiten. Wichtig: Der Token ist keine Kryptowährung.

Kapitalbeschaffung über Tokenisierung ist eine komplexe Aufgabe. Sie erfordert ein Team: IT-Spezialisten, die den Token unmittelbar entwickeln, Juristen, die Schutz und Konformität mit den Anforderungen von OFAC, FINMA und anderen sicherstellen, sowie Fachleute für die Notierung von Tokens an Börsen und die Organisation von Roadshows zur Investorengewinnung.

Es ist zu erwarten, dass die Tokenisierung von Vermögenswerten in der Welt nach Covid-19 einen kräftigen Entwicklungsschub erhalten wird.

«Vergesellschaftung in neuen Rudeln am Markt»

Angesichts der Covid-19-Krise, des wachsenden Protektionismus und der geschwächten heutigen Allianzen und Verbände lohnt sich vielleicht ein Blick auf die japanische Erfahrung bei der Überwindung des wirtschaftlichen Niedergangs. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zeigte das Land ein geradezu wundersames Wirtschaftswachstum und drängte auf die Weltmärkte, mit besonderem Tempo in den 1970er-Jahren.

Das japanische Wunder wurde durch die Schaffung von neun Handelshäusern erreicht: Mitsubishi Shoji, Mitsui Busan, Itochu Shoji, Marubeni Corporation, Sumitomo Shoji, Nissho-Iwai, Toyo Menka, Nichimen und Kanematsu-Gosho. Sie bündeln mehr als 60 % des japanischen Aussenhandels – obwohl mehr als zwölftausend Unternehmen neben ihnen daran beteiligt sind.

Die ursprüngliche Aufgabe dieser Handelshäuser bestand darin, den Aussenhandel des Landes unter die Kontrolle des nationalen Kapitals zu bringen, um die japanische Wirtschaft zu fördern und zu modernisieren. Diese Aufgabe wurde erfüllt. Innerhalb weniger Jahrzehnte stieg der Anteil japanischer Firmen an der Aussenhandelsbilanz des Landes von 1 auf 80 %.

Neben dem Vertrieb übernahmen die japanischen Handelshäuser eine Reihe weiterer Aufgaben rund um die Organisation und Bedienung des Warenflusses: den Aufbau von Lieferketten, die Einrichtung von Distributionslagern in den Verbrauchszentren im Ausland und die Finanzierung der Lieferungen.

Die japanischen Handelshäuser pflegen enge Verbindungen zu den staatlichen Strukturen – dem Ministerium für Handel und Industrie, dem Finanzministerium, der Export-Import-Bank und anderen – und sind ein tragender Teil der Volkswirtschaft, der ihre Expansion, Entwicklung und Beständigkeit auf den Weltmärkten für hochtechnologische Erzeugnisse der Tiefverarbeitung sichert.

Vielleicht erlaubt es gerade diese Erfahrung – die Gründung neuer Handelshäuser oder die Stärkung bestehender und die Ausweitung ihrer Tätigkeit zusammen mit Finanzinstituten –, die drohende Stagnation der Weltwirtschaft in qualitatives und quantitatives Wachstum umzulenken.

Handelshäuser haben immer die Rolle eines «Marktpuffers» zwischen Produzenten und Verbrauchern gespielt. Gut möglich, dass sich der Kreis der bestehenden und neuen Handelshäuser erweitert und dass sie sich neben dem Rohstoffgeschäft alter Schule zunehmend mit Erzeugnissen der Tiefverarbeitung befassen.

Um solche Handelshäuser zu gründen, werden die Akteure des Weltmarkts wie immer zu jenen Rechtsordnungen tendieren, die Stabilität ihrer Finanzsysteme, ihrer Besteuerung und Ähnliches bieten. In diesem Licht dürfte die Tendenz, in Marktzentren wie der Schweiz neue Handelshäuser zu gründen und bestehende zu stärken, zusätzlichen Auftrieb erhalten.

Zum Schluss

Die Welt wird sich nach Covid-19 verändern, aber die Gesamtrichtung bleibt dieselbe. Bedeutet all das das Ende der Globalisierung? Natürlich nicht. Globalisierung ist vor allem das Übergewicht der internationalen Finanzinstitute über die nationalen Strukturen – und dieses Übergewicht wird zunehmen: wegen des Finanzierungsmangels, des beschleunigten «Stoffwechsels» der Unternehmen, des ungleichen Ausmasses des Rückgangs und Tempos der Erholung und vieler anderer Faktoren.

Das Geschäft verzeiht keine Fehler und kein Zögern, schon gar nicht in unruhigen Zeiten. Die Aufgabe jeder Führungskraft ist es, die verlässliche Entwicklung ihres Unternehmens in dieser sich wandelnden Welt zu sichern und mehrere Züge im Voraus zu sehen und zu berechnen.

Im dunklen Wald von Covid-19 zu überleben ist und bleibt kein leichtes Geschäft. Die Fähigkeit, sich anzupassen und den Ausgang zu steuern, wird zur eigentlichen Prüfung – und die natürliche Auslese hat bereits begonnen. Bleiben Sie wachsam.

Englisches Original: «The dark forest of COVID-19: Survival of the fittest business», Aluminium International Today, Mai/Juni 2020, Seiten 13–15.

Die Metal Supply Experts GmbH handelt für Auftraggeber in Metallen, Baustoffen, Energierohstoffen und kritischen Mineralien – im Namen des Auftraggebers oder im eigenen Namen als Kommissionär (Art. 32 ff., 425–438 OR), wie im jeweiligen Mandat vereinbart. Der Beitrag dient der Information und ist keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung. Zahlen und Rechtsstand beziehen sich auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung. Anfragen: enquiries@metalsupplyexperts.com Zitiervorschlag: Sergey Belskiy, «The dark forest of COVID-19: Survival of the fittest business», Aluminium International Today, Mai/Juni 2020, https://metalsupplyexperts.com/de/dark-forest-covid-19.html
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