Deutsche Fassung des Autors. Der Beitrag erschien auf Englisch bei Fertilizer Daily am 23. Juli 2026 und auf Russisch in der russischen Ausgabe am 27. Juli 2026.
Im Juni 2026 zählte S&P Global 328 Millionen Tonnen angekündigter Kapazität für kohlenstoffarmes Ammoniak. Zwanzig Millionen davon gelten als wahrscheinlich gebaut, und nur für 10,8 Millionen liegt eine endgültige Investitionsentscheidung vor. Siebenundneunzig von hundert angekündigten Tonnen existieren bislang nur auf dem Papier. An der Technik liegt es nicht: Die Elektrolyse funktioniert, das Haber-Bosch-Verfahren läuft seit 1913. Dreihundert Millionen Tonnen werden von etwas anderem festgehalten.
Die wenigen Geschäfte, die trotzdem zustande kamen, zeigen, was.
Die Geschäfte, die zustande kamen
| Geschäft | Die Zahlen | Was es bankfähig machte |
|---|---|---|
| NEOM, Saudi-Arabien | Finanzabschluss 2023 über 8,4 Milliarden Dollar, davon 6,1 Milliarden regressloses Fremdkapital von 23 Banken und Finanzinstituten | Air Products: exklusiver 30-jähriger Abnahmevertrag über die gesamte Menge, dazu die Rolle als EPC-Auftragnehmer |
| Fertiglobe über die H2Global-Auktion, Ägypten – EU | 1 000 Euro je Tonne geliefert, rund 1 090 Dollar. Konventionelles Ammoniak in derselben Woche: 490 Dollar CFR Nordwesteuropa (Platts) | Hintco, ein staatlich finanzierter Käufer. Der Abschlussbericht von H2Global nennt die Leistung beim Namen: Bankfähigkeit. Und selbst so hatte das Projekt Anfang 2026 mit fünf Entwicklungsbanken im Pool den Finanzabschluss noch nicht erreicht |
| AM Green, Kakinada, Indien | Bis zu 500 000 Tonnen im Jahr an Uniper kontrahiert, Januar 2026 | Vorläufige RFNBO-Zertifizierung mit stündlicher Zuordnung der erneuerbaren Erzeugung |
Das Muster ist immer dasselbe: Die Bankfähigkeit wurde hergestellt, bevor die erste Tonne fliessen konnte – und selbst ein staatlicher Käufer zu 1 000 Euro je Tonne hat die ägyptische Finanzierung bis heute nicht über die Ziellinie gebracht.
Lassen wir die Megaprojekte nun hinter uns. Denn hier lebt die Düngemittelindustrie.
Wohin das Ammoniak tatsächlich geht (S&P Global, Juni 2026)
| Weltproduktion 2025 | 210 Mio. t |
| Am Produktionsort weiterverarbeitet, vor allem zu Harnstoff | 166 Mio. t (79 %) |
| Grenzüberschreitender Handel | 17,7 Mio. t |
| Energetische Verwendung 2026 | rund 2 Mio. t |
| Abnahme aus gesicherten Projekten für herkömmliche Verwendung | 3,9 Mio. t |
| Abnahme aus gesicherten Projekten für Energie, Schiffstreibstoff, Wasserstofftransport | 1,3 Mio. t |
Die ersten kohlenstoffarmen Tonnen gehen in die Düngemittelketten, nicht in den Schiffstank. Vorangetrieben werden sie von Hunderten mittelgrosser Produzenten, Importeure und Händler – und hinter keinem von ihnen steht ein Air Products oder ein Hintco.
Und ihr Problem begann am 1. Januar 2026. Das endgültige CBAM-Regime bepreist nun den Kohlenstoff in jedem mineralischen Stickstoffprodukt, das die EU-Grenze überquert: Ammoniak, Harnstoff, Ammoniumnitrat, AHL, Kalkammonsalpeter, stickstoffhaltige Mischdünger. Ein Importeur von mehr als 50 Tonnen CBAM-Waren im Jahr braucht den Status eines zugelassenen Anmelders, verifizierte graue Emissionen – direkte und indirekte – und Zertifikate zu einem an das EU-ETS gekoppelten Preis. Die Kosten steigen mit dem Abbau der kostenlosen Zuteilung Jahr für Jahr bis 2034 – S&P Global hat die Kurven für jedes Produkt durchgerechnet. Eine kohlenstoffarme Tonne entgeht dieser Rechnung nur, wenn ihr Zertifikatekonto nach verifizierten tatsächlichen Emissionen berechnet wird und nicht nach Standardwerten. Die Prämie für erneuerbare Herkunft legt die Latte noch einmal höher. Der RFNBO-Status verlangt Zusätzlichkeit, zeitliche und geografische Korrelation, eine Minderung der Lebenszyklusemissionen um mindestens 70 % und einen Nachhaltigkeitsnachweis, der ein Audit übersteht. Das Compliance-Risiko liegt beim Käufer: Reisst das Papier, steht der europäische Importeur im Regen.
Niemand zahlt 1 090 Dollar für ein Molekül, das zu 490 notiert. Die Prämie kauft ein Compliance-Instrument: eine Ladung, deren Dokumentenspur den Prüfer, den Kreditausschuss, die CBAM-Erklärung und das RFNBO-Audit gleichermassen übersteht. Auf diesem Markt sind die Dokumente nicht der Ware beigelegt. Sie sind die Ware.
Hier versagt die Standardantwort «Verkauf es einem Händler». Der Händler übernimmt das Eigentum und hält eine Position. Das schiebt zwischen Produzent und Käufer eine weitere Bilanz, eine weitere Übergabe, die die Herkunftskette zertifizieren muss, und einen weiteren Kontrahenten, den die Bank durchleuchten muss. Die Marge fliesst in die Mitte. Und hier die Frage, die die besten Produzenten als Erste stellen: Wenn der Händler das Preisrisiko trägt – ist dann nicht das ganze Risiko von meinem Tisch? Nein. Waren- und Preisrisiko verlassen den Produzenten nicht. Der Händler nimmt sie ihm nicht ab. Er näht das Risiko in einen Abschlag ein, den der Produzent nicht sieht – und den er bei jeder Tonne bezahlt, ausnahmslos. Und der Produzent verliert den Endkäufer aus den Augen – ausgerechnet dann, wenn der langfristige Käufer das ist, was die nächste Erweiterung finanzierbar macht. Das Rezept der Megaprojekte – alles für 30 Jahre an einen einzigen Käufer geben – steht in diesem Segment nicht zur Verfügung und ist ohnehin der teuerste Marktzugang, den es gibt.
Das Unbequeme daran: Jedes Element der fehlenden Konstruktion existiert bereits.
Was bereits zwischen Produzent und Markt steht
| Kapital | Über 30 Geschäftsbanken mit aktiven Desks für Handels- und Rohstofffinanzierung in der Schweiz, der EU und dem Vereinigten Königreich. Ein Dutzend Entwicklungsbanken und Exportkreditagenturen. Dutzende spezialisierter Handelsfinanzierungsfonds. Rund 2 000 europäische Family Offices, von denen 57 % bereits nachhaltig investieren (Deloitte) |
| Logistik | Rund ein Dutzend aktiver Ammoniakterminals in Nordwesteuropa. Fünf weitere allein in Rotterdam angekündigt. Der Importterminal von Yara in Brunsbüttel, eröffnet im Oktober 2024, ist auf bis zu 3 Millionen Tonnen im Jahr ausgelegt |
| Nachfrage | Die EU importiert rund 7,5 Millionen Tonnen Düngemittel im Jahr. Auf die Importeure, die über der 50-Tonnen-Schwelle im CBAM-Perimeter bleiben, entfallen 99 % der grauen Emissionen (Europäische Kommission) |
Nur einem winzigen Teil dieses Kapitals ist je eine bankfähige Akte für grüne Düngemittel vorgelegt worden. Die Routenführung über unabhängige Terminals und Betreiber der zweiten Reihe senkt Fracht- und Lagerkosten und schafft Wahlmöglichkeiten, die Kreditgeber honorieren. Und dem konzentrierten mittleren Segment der Importeure ist kaum je eine konforme kohlenstoffarme Tonne mit fertigen Dokumenten angeboten worden. Dem Markt fehlen nicht das Kapital, nicht die Tanks und nicht die Käufer. Ihm fehlt der, der das alles zusammensetzt.
Das Instrument für diese Arbeit ist älter als das Haber-Bosch-Verfahren und bewegt seit zwei Jahrhunderten Metalle und Getreide, ohne je selbst eine Position einzugehen: der Kommissionär. In der klassischen kontinentalen Form schliesst der Kommissionär im eigenen Namen ab, aber für Rechnung und im Interesse des Produzenten. Das Eigentum geht direkt vom Produzenten auf den Käufer über. Der Kommissionär hält keine Position, trägt kein Preis- und kein Warenrisiko und erhält eine feste Vergütung erst dann, wenn die Tonne platziert ist – keinen im Preis versteckten Spread. Dafür bringt er die oben gezeigte Karte mit – und die Akte, die sie zum Leben erweckt: die Shortlist der Kreditgeber, die Terminalrouten, die CBAM- und RFNBO-Dokumente, die Abnahmestruktur, die ein Kreditausschuss akzeptiert. Die Ware wechselt in der Mitte nicht den Besitzer, darum ist die Herkunftskette um ein Glied kürzer. Käufer, Marge und Beziehung bleiben beim Produzenten.
Das Megaprojekt-Segment werden Staaten, Staatsfonds und einzelne dominante Abnehmer unter sich aufteilen. Das Düngemittelsegment darunter gehört noch niemandem. Das Kapital sitzt in Zürich, Genf, Frankfurt und London. Die Tanks werden gebaut. Die Käufer warten auf die konforme Tonne. Wer dieses Puzzle als Erster zusammensetzt, holt sich die Prämie vor allen anderen und nimmt den Markt mit. Allein schaffen die Produzenten das nicht – mit Kommissionären schon.
Englisches Original: Green ammonia is easier to make than to sell, Fertilizer Daily, 23. Juli 2026.
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