Veröffentlichung · Aluminium International Today · September/Oktober 2026

Aus dem dunklen Wald: Wie sich der Aluminiumhandel neu aufgebaut hat

Sechs Jahre danach: Regulierung, Sanktionen und Bankenkontrolle haben neu geschrieben, was eine Aluminiumtransaktion enthalten muss

Aluminium, Regulierung und Finanzierung · September 2026 · 9 Minuten Lesezeit · Metal Supply Experts GmbH

Deutsche Fassung des Autors. Der Beitrag erschien auf Englisch in Aluminium International Today, Ausgabe September/Oktober 2026.

Sechs Jahre nach Beginn der Covid-19-Pandemie untersucht Sergey Belskiy, Metal Supply Experts GmbH, wie Regulierung, Sanktionen und Bankenkontrolle den Aluminiumhandel neu aufgebaut haben.

Als ich für die Mai/Juni-Ausgabe 2020 dieser Zeitschrift den Beitrag «The dark forest of Covid-19» schrieb, nannte ich vier Trends, von denen ich überzeugt war, dass sie die Krise überdauern würden: wachsenden Protektionismus, schärferen Wettbewerb, eine tiefere Abhängigkeit von institutioneller Finanzierung und eine erzwungene Digitalisierung. Sechs Jahre und eine ganze Reihe von Erschütterungen später kann ich berichten, was der Wald mit uns gemacht hat.

Drei dieser Trends haben sich in die Struktur des Aluminiumhandels selbst eingeschrieben. Der vierte, die Digitalisierung, ist zum Fundament geworden, auf dem die geprüften Zahlen, Zertifikate und Bestätigungen stehen. Zusammen haben sie neu geschrieben, was eine Aluminiumtransaktion enthalten muss, um überhaupt zustande zu kommen – und dabei den Beruf des klassischen Händlers auseinandergenommen (Abb. 1).

Die vier Trends von 2020 und ihre strukturelle Form 2026Abbildung · eins
2020 benannt
Die Struktur von 2026
Wachsender Protektionismus
→
Herkunft als Rechtsstatus
Schärferer Wettbewerb
→
Herkunftsprämien und -abschläge
Abhängigkeit von institutioneller Finanzierung
→
Finanzierung nur für kontrollierte Strukturen
Erzwungene Digitalisierung
→
Das Nachweisgerüst als tragende Konstruktion
Jeder 2020 benannte Trend hat bis 2026 seine strukturelle Form gefunden.

Die Regulierung kommt jetzt vor dem Geschäft

Früher kam das Geschäft zuerst und die Regulierung zuletzt: Man einigte sich auf Preis und Lieferung, unterschrieb die Papiere und verzollte die Ware. Compliance kam ganz zum Schluss. Für Aluminium, das heute in die Europäische Union kommt, ist die Reihenfolge umgekehrt – und die Umkehr steht im Gesetz.

Kurz vor dem Start noch durch die Omnibus-Verordnung (EU) 2025/2083 gestrafft, trat die CBAM-Verordnung (EU) 2023/956 am 1. Januar 2026 in ihre definitive Phase.

Ab 50 Tonnen im Jahr gelangen erfasste Waren nur noch über einen zugelassenen CBAM-Anmelder in die EU. Das ist kein Zoll: Ohne den Status darf das Metall die Grenze nicht passieren. Die grauen Emissionen werden jährlich angemeldet und von einer akkreditierten Prüfstelle bestätigt – oder es gelten Standardwerte, die bewusst hoch angesetzt sind und Jahr für Jahr steigen.

Für Aluminium trägt der Mechanismus eine Schieflage in sich: Bepreist werden nur die direkten Emissionen. Die indirekten Emissionen aus dem Strom – beim energiehungrigsten aller Basismetalle – bleiben aussen vor. Solange diese Ausnahme gilt, kann die Grenze Metall aus Wasserkraft kaum von Metall aus Kohlestrom unterscheiden. Die Verordnung sieht eine Überprüfung vor, und an dem Tag, an dem sich dieses Fenster schliesst, werden die Wettbewerbspositionen über Nacht neu geordnet.

Der Zertifikateverkauf beginnt am 1. Februar 2027. Die erste Erklärung für die Einfuhren des Jahres 2026 ist bis zum 30. September 2027 fällig. Ab 2027 halten die Anmelder Zertifikate für die Hälfte ihrer grauen Emissionen, und die kostenlose Zuteilung an die EU-Produzenten läuft bis 2034 aus.

Im Dezember 2025 hat die Europäische Kommission vorgeschlagen, den Mechanismus ab 2028 auf rund 180 nachgelagerte Stahl- und Aluminiumerzeugnisse auszudehnen. Mein Schluss, und zugleich die These dieses Beitrags: Der regulatorische Entwurf einer Aluminiumtransaktion geht heute ihrem kaufmännischen Entwurf voraus (Abb. 2).

Die umgekehrte TransaktionAbbildung · zwei

Die alte Reihenfolge

Preis, Qualität, Lieferung
→
Dokumentation
→
Zoll

Compliance kommt am Ende

Die neue Reihenfolge

Anmelderstatus, prüfbare Emissionsdaten
→
Kaufmännische Bedingungen
→
Ausführung
Der regulatorische Entwurf geht dem kaufmännischen voraus.

Die Herkunft wurde zum Rechtsstatus

Woher das Metall kam, stand früher in einer Zeile der Versandpapiere. Für Aluminium ist es heute ein Rechtsstatus. Für russisches Metall schreiben ihn vier Rechtsordnungen und zwei Börsen, und jede setzt andere Regeln durch.

Russland produziert rund 5 % des Primäraluminiums der Welt, und Rusal mit Sitz in Moskau ist der grösste Einzelproduzent ausserhalb Chinas.

Nach den US-Sanktionen darf kein US-Bürger und kein US-Unternehmen Warranting- oder Erwerbsdienstleistungen mit physischer Erfüllung für russisches Aluminium erbringen, das am oder nach dem 13. April 2024 produziert wurde.

Das Vereinigte Königreich verbietet den Erwerb von Börsenwarrants für Metall, das am oder nach demselben Stichtag produziert wurde. Die EU zog ein Jahr später nach. Die Verordnung (EU) 2025/395 des Rates vom 24. Februar 2025 führte das Verbot in zwei Stufen ein: zuerst ein Einfuhrkontingent von 275 000 Tonnen bis zum 26. Februar 2026, dann eine Restmenge von 50 000 Tonnen für Verträge, die vor dem 25. Februar 2025 geschlossen worden waren.

Seit dem 31. Dezember 2026 gilt das Verbot ohne Ausnahme. Die Schweiz hat es im Mai 2025 über ihre Ukraine-Verordnung nachvollzogen – drei Monate nach Brüssel.

Die Börsen haben das Gesetz in Lagerpraxis übersetzt. LME und CME nahmen im April 2024 kein neu produziertes russisches Metall mehr auf Warrant, und seit dem 25. Februar 2026 legt die LME russisches Aluminium in einem EU-Lager nur noch mit einer Bestätigung der Sanktionskonformität auf Warrant. Das Produktionsdatum im Analysezertifikat entscheidet, ob eine Tonne auf Warrant geht.

Zudem lässt sich Herkunft ganz legal verwandeln. Eine Grenze, zur Verarbeitung überschritten – und das Metall verlässt das Presswerk mit einer neu erklärten Herkunft, an die die heutigen Aluminiumregeln nicht heranreichen.

Für Stahl gilt bereits eine Rückverfolgung der Vormaterialien, und bis Aluminium nachzieht, führen Banken und Börsen die eigentliche Prüfung durch, nicht der Zoll. Das Metall mag erstklassig und der Käufer bereit sein – ohne eine Herkunft, die nach dem Massstab des Regimes und seiner Banken belegt ist, kommt keine Transaktion zustande. Damit ist die Nachweiskette Teil des Preises geworden (Abb. 3).

Fünf Tore zum WarrantAbbildung · drei
1
Produktionsdatumfestgehalten im Analysezertifikat
2
Stichtag USA und Vereinigtes KönigreichMetall, produziert am oder nach dem 13. April 2024
3
Status nach dem sechzehnten EU-SanktionspaketKontingent, Altverträge, Verbot ab 31. Dezember 2026
4
Warranting-Regel der BörsenAussetzung neuen russischen Metalls durch LME und CME
5
Gerichtsbarkeit des LagersEU-Lager: Bestätigung der Sanktionskonformität seit 25. Februar 2026
On warrant
alle fünf bestanden
ein Tor verfehlt
Off warrant
Was heute darüber entscheidet, ob eine Tonne Aluminium russischer Herkunft auf Warrant gelegt werden kann.

Banken finanzieren nur, was sie kontrollieren

Die Ausfälle in der Rohstofffinanzierung der Jahre 2020 und 2021 kamen die Banken teuer zu stehen, und sie antworteten, wie Banken antworten: weniger Namen, härtere Sicherheiten, Struktur statt Vertrauen. Die unverbindliche Transaktionslinie wich der Beleihungsbasis, dem Sicherheitenverwaltungsvertrag und der kontrollierten Zahlungskaskade.

Ein Kreditausschuss fragt kaum noch, wer der Kreditnehmer ist. Er fragt, was die Bank kontrolliert, in welchem Moment und kraft welchen Dokuments.

Die Finanzierung rückt an den Anfang des Geschäfts. Eigentumsübergänge, Dokumentenflüsse, Verwahrung, Abtretung der Versicherungsansprüche, Abwicklungsmechanik – all das wird vor dem Term Sheet entworfen, weil es heute das Term Sheet ist. Wer eine Transaktion kaufmännisch zusammenbaut und sie hinterher zur Bank trägt, bekommt sie umgebaut oder abgelehnt zurück – so oder so sind Monate verloren. Die Geschäfte, die zum Abschluss kommen, sind vom ersten Entwurf an auf Finanzierung hin gebaut.

Der Händler, in seine Teile zerlegt

Legen Sie diese drei Kräfte nun über die alte Arbeitsteilung. Der Händler übernahm das Eigentum, trug das Preisrisiko und verdiente den Spread. Im Gegenzug gab der Produzent den Kunden, die Marge und jedes Mitspracherecht über das Metall ab. Der Tausch war fair, solange das Buch des Händlers die einzige Brücke über Preis, Geografie und Kredit war. Das ist vorbei: Die Arbeit, die eine moderne Aluminiumtransaktion ausführbar macht – regulatorische Form, Herkunftsnachweis, Finanzierungsstruktur –, wird nicht aus einem Handelsbuch heraus geleistet.

Zerlegt man den Händler, kommen zwei Berufe zum Vorschein. Der eine ist das eigentliche Risikogeschäft: Bestand halten, eine Position fahren, die Basis tragen – und für einen Produzenten, dessen Bilanz Preis-, Kredit- und Währungsrisiko nicht trägt, bleibt dieses Buch das Produkt. Der andere Beruf – einen Produzenten mit einem fernen Käufer zu verbinden, die Finanzierung zusammenzustellen, hinter dem Papier zu stehen – braucht weder das Eigentum des Produzenten noch seinen Kunden noch seine Marge.

Für dieses Modell gibt es ein japanisches Vorbild. Die Handelshäuser – die Sogo Shosha – wurden in der Meiji-Zeit gegründet, um Japans Aussenhandel von den fremden Kaufleuten zurückzuholen, die damals fast den gesamten Handel abwickelten. In den Nachkriegsjahrzehnten trugen sie den grössten Teil der Exporte und Importe des Landes. Um Spekulation ging es nie. Ihr Geschäft war Organisation: Marktzugang, Strukturierung, Finanzierung, Logistik und Information.

Überträgt man die Rolle der Sogo Shosha auf den heutigen europäischen Markt, fällt ein Merkmal des alten Hauses weg: Die Position ist von einem Vermögenswert zur Last geworden.

Wer Eigentum hält, hält einen Interessenkonflikt – der Rechtsberater der Bank und der Sanktionsbeauftragte sehen ihn beide. Nennen wir es die europäische Sogo Shosha: die Architektur des Handelshauses, ausgeführt von einer Partei, die kein Eigentum übernimmt und kein Buch führt.

Das Schweizer Recht hält die Form seit über einem Jahrhundert bereit: den Kommissionär der Artikel 425 bis 438 des Obligationenrechts, der im eigenen Namen, aber für Rechnung des Auftraggebers abschliesst. Die Zuordnung der Interessen steht im Gesetz, nicht auf irgendeiner Präsentationsfolie. Eigentum und Marge verlassen den Produzenten nie: Kunden und die Finanzierung seiner Lieferkette erhält er direkt über seine Sogo Shosha.

Von diesem Platz aus fügt eine einzige Partei zusammen, was in der alten Kette niemand allein zustande brachte: regulatorische Form, Herkunftsnachweis, Finanzierungsarchitektur und Ausführung – und jede Beziehung, jeder Basispunkt bleibt dort, wo er entstanden ist (Abb. 4).

Der klassische Händler und der Ausführende ohne EigentumAbbildung · vier
Klassischer Händler
Ausführender ohne Eigentum
Eigentum
Geht auf den Händler über
Bleibt beim Produzenten
Kunde
Wird zum Kunden des Händlers
Wird für Rechnung des Produzenten gewonnen und bleibt bei ihm
Marge
Geht im Spread des Händlers auf
Bleibt beim Produzenten, der Agent erhält eine Provision
Kapital
Gebunden im Buch des Händlers
Entlang der Lieferkette finanziert, das Umlaufvermögen des Produzenten wird frei
Wo Eigentum, Kunde, Marge und Kapital in jedem der beiden Modelle landen.

Der Kommissionär ist hier kein Verwalter, der hinter dem Produzenten die Papiere aufsammelt. Transaktionen sterben zwischen den Disziplinen, nicht in ihnen – dort, wo die eine Kompetenz endet und niemand das Geschäft als Ganzes sieht.

Der Kommissionär führt Produktion, Handel, Finanzierung, Regulierung und Lieferkette in einem einzigen Vorgang zusammen und hält alle fünf gleichzeitig in der Hand, nicht nacheinander. Eine Kompetenz an einem Punkt – genau das fehlt dem Markt, und den Produzenten zuallererst.

Aus dem Wald

Ein Produzent steht in hartem Wettbewerb mit Anbietern aus anderen Regionen – und jedes Element dieser Struktur stärkt seine Position. Direkter Zugang zum Endabnehmer: Die Beziehung bleibt beim Produzenten.

Die Finanzierung der ganzen Lieferkette bringt eine zusätzliche Prämie ein und setzt Umlaufvermögen frei. Das Risiko verschwindet nicht – es wird Stück für Stück platziert: der Preis an der Börse, das Käuferrisiko beim Versicherer, die Währung bei der Bank.

Der Service bis vor das Tor des Abnehmers schafft eine Wettbewerbsfähigkeit, die sich mit dem Preis allein nicht kaufen lässt. Zusammen machen sie den Produzenten nicht nur widerstandsfähig – sie lassen ihn wachsen. Das ist die Philosophie des Kommissionärs von heute. Die Philosophie einer neuen Sogo Shosha.

Der Beitrag von 2020 ging eine Wette ein: Die Trends würden den Schock überdauern und sich verhärten. Die Wette ging auf, und zwar mit Zinsen: Die Trends liefen in der Funktion des Händlers zusammen und nahmen sie auseinander.

Was einen modernen Aluminiumstrom zusammenhält und seinen Wert beim Produzenten belässt, ist eine Architektur, die vor den kaufmännischen Bedingungen steht.

Der dunkle Wald von 2020 war nie ein Sturm, den man aussitzen konnte. Der Handel hat sich in ihm neu geformt – und ist auf der Seite dessen wieder herausgetreten, der den Wert schafft.

Englisches Original: «Out of the dark forest: how the aluminium trade rebuilt itself», Aluminium International Today, September/Oktober 2026, Seiten 77–79.

Die Metal Supply Experts GmbH handelt für Auftraggeber in Metallen, Baustoffen, Energierohstoffen und kritischen Mineralien – im Namen des Auftraggebers oder im eigenen Namen als Kommissionär (Art. 32 ff., 425–438 OR), wie im jeweiligen Mandat vereinbart. Der Beitrag dient der Information und ist keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung. Zahlen und Rechtsstand beziehen sich auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung. Anfragen: enquiries@metalsupplyexperts.com Zitiervorschlag: Sergey Belskiy, «Out of the dark forest: how the aluminium trade rebuilt itself», Aluminium International Today, September/Oktober 2026, https://metalsupplyexperts.com/de/out-of-the-dark-forest.html
Teilen

Das PDF wird aus dieser Seite erzeugt und trägt daher immer die aktuelle Fassung und das Datum, an dem die Eingangswerte geprüft wurden.

Diese Rechnung auf Ihrer eigenen Tonnage, Herkunft und Emissionsakte?

Vertrauliches Gespräch beginnen